Forum HeimatUnternehmen 2014 in Niederalteich

Menschen schaffen regionale Wert

Intensiver AUstausch von Ideen und Erfahrungen

Intensiver AUstausch von Ideen und Erfahrungen
© Verwaltung für ländliche Entwicklung

Der Bayerische Landesverein für Heimatpflege und die Bayerische Verwaltung für Ländliche Entwicklung hatten zu dieser gemeinsamen Tagung in die Landvolkshochschule St. Gunther im niederbayerischen Niederalteich eingeladen. Wie Helga Grömer, Leiterin des Bildungshauses bei ihrer Begrüßung ausführte, verbindet sich der Untertitel der Tagung „Menschen schaffen regionale Werte“ bestens mit den Zielen ihres Hauses, Menschen zur Mitgestaltung von Gesellschaft und Politik vor Ort zu ermutigen und zu einem verantwortungsvollen Umgang mit der Schöpfung anzuregen.

22.10.2014

Regierungsbezirk: Niederbayern


Ministerialrat Leonhard Rill vom Bayerischen Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten verwies in seiner Eröffnungsrede auf die von den Organisatoren gemeinsam verstandene Aufgabe, Kulturgeschichte und Kulturlandschaft, also im besten Sinne Heimat, als erlebbar zu bewahren, da sie der Ort des konkreten Alltagshandels sei. Durch unternehmerisches Engagement in kulturellen, sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Projekten entstehe ein Gewinn im Materiellen wie im Immateriellen. Aufgabe einer modernen Verwaltung sei es, unternehmerische Menschen so zu unterstützen, dass diese ihre Potenziale zum Wohle der Allgemeinheit entfalten können. Diesen Gedanken schloss sich auch Manfred Weber, Vorsitzender der EVP-Fraktion im Europaparlament in seinem Grußwort an. Es brauche bei den Länderregierungen jedoch noch einigen Mut, die Verantwortung in die Regionen zu übertragen und innovative, kreative Kräfte zu begleiten, anstatt sie mit Paragraphen zu gängeln.
Die von den beiden Moderatoren Ursula Eberhard und Norbert Bäuml abwechselnd vorgestellten „Unternehmer“ zeigten auf ebenso kurzweilige wie beeindruckende Weise, was sie mit ihren Projekten in ihrer Region an Entwicklung angestoßen oder bewirkt haben.
Hans Reichl aus dem oberbayerischen Schwindegg, der mit seiner Frau einen Ackerbaubetrieb mit Jungrinderaufzucht nach den Richtlinien des ökologischen Landbaus führt, richtete in dem inmitten der Natur gelegenen Hof ein modernes, zertifiziertes Bio-Hotel mit Tagungsräumen ein. Darüber hinaus betreibt das Ehepaar einen Theaterstadel, das „Am Vieh-Theater“, das in den Sommermonaten Kulturinteressierte aus der Region anzieht. Leonhard Asam von der AltoNetz GmbH und Markus Hagl, Mitglied der Bürgerinitiative AltoNet, berichteten, wie im Markt Altomünster (Lkr. Dachau), Bürger die Bürger ans Glasfasernetz bringen, und zwar in einer technischen Art und Weise, wie es sie selbst in Großstädten kaum gibt, sowie zu Preisen, die nicht nur für Privatkunden, sondern auch für die Ansiedlung von Firmen höchst attraktiv ist. Xaver Diermayr aus Oberösterreich, Biobauer und Diplom-Betriebswirt, erläuterte, welchen Beitrag bürgergetragene Finanzierungsformen für eine qualitätvolle regionale Lebensmittelerzeugung und -verarbeitung leisten können. Die finanzielle Beteiligung, z. B. über Genussrechte, betrachtete er als Einstieg in eine notwendige engere Beziehung zwischen Landwirt und Konsument.
Elisabeth Stiglmaier, Bäuerin und „Hopfenbotschafterin“ vertrat als Vorsitzende der Interessengemeinschaft „Landerlebnisreisen“ viele engagierte Bauern aus ganz Bayern, die mit einem vielfältigen informativen und professionellen Programm ihr Zuhause als Ausflugs­ziel für Gäste öffnen. Ähnliche Ziele verfolgt auch die Bäuerin Angelika Soyer als Vorsitzende des Allgäuer Landesverbandes „Mir Allgäuer – Urlaub auf dem Bauernhof“, der sich für insgesamt 511 Betriebe einsetzt. Toni Drexler, Kreisheimatpfleger im Landkreis Fürstenfeldbruck begeisterte die Teilnehmer mit zahlreichen Fotos von seinen kulturellen Aktivitäten auf dem Land, u. a. von der Kleinkunstbühne Hörbacher Montagsbrettl und vom Kunstprojekt HofmarkART. Sein neuestes Unterfangen ist die Internetseite „MINERVA-Kultur“, die über Kulturveranstaltungen im Lechrain informiert.
Michael Diestel, Agraringenieur und Geschäftsführer des Kreisbauernverbandes Rhön-Grabfeld, ist wie Friedrich Wilhelm Raiffeisen davon überzeugt, dass das Motto „Was einer nicht schafft, das schaffen viele“ die richtige Strategie für die Zukunft unserer Dörfer ist. Er war daher Mitbegründer der Agrokraft GmbH, die sich auf die standardisierte Gründung von Bürgergenossenschaften spezialisiert hat.
Die Gemeinde Waldthurn im Oberpfälzer Wald liegt in einer der Regionen, die in Prognosen zum demographi­schen Wandel stets als „Verlierer“ dargestellt werden. Dass dem nicht so ist, belegte Bürgermeister Josef Beimler, der mit seinen Ideen und Aktivitäten auf engagierte Bürger und ein intaktes Vereinsleben im Ort zurückgreifen kann. Agraringenieur Christian Vieth hat Hofübergaben zu seiner Aufgabe gemacht. Er berät Bauern oder solche, die es werden möchten, vor Ort. Zudem entwickelte er das Internetportal „hofgruender.de“, das Kontakte zwischen Hofbesitzern, die aufhören wollen, und Hofsuchenden vermittelt.
Christian Haberhauer ist Geschäftsführer des jungen LEADER-Teams Moststraße in Niederösterreich. Er und seine Kollegen stellten dar, wie eine innovative Regionalentwicklung im Verbund mit jungen Bauern die bereits weitgehend verschwundene traditionelle Mostkultur wiederbelebt und zum touristischen Markenzeichen der Region gemacht hat. Wolfgang Scholz aus dem oberbayerischen Sachsenried, Landwirt und Kreisobmann des Bayerischen Bauerverbandes, lenkte den Blick auf die sozialen Aspekte der Landwirtschaft. Seit 1994 nimmt er ehemals Suchtkranke für einige Monate in seinem Milchviehbetrieb auf. Dabei arbeitet er eng zusammen mit „Prop“, einem Verein für Prävention, Jugendhilfe und Suchttherapie in München. Die tägliche Hofarbeit und die Einbindung in das Familienleben sind wichtige Bestandteile der Therapie.
Frater Dr. Vinzenz Proß, Prior des Benediktinerklosters Niederaltaich verwies auf die bedeutende Rolle der Klöster bei der Urbarmachung unserer Lebensräume und bei der Entwicklung der Landwirtschaft. Aus christlicher Schöpfungsverantwortung seien die Klöster dem Prinzip der Nachhaltigkeit verpflichtet, das nicht darauf ausgerichtet sein dürfe, das Letzte aus Boden und Tieren herauszuholen, sondern darauf, alle Geschöpfe gesund zu erhalten und die Natur in ihrer ganzen Vielfalt als Nahrungsquelle und Lebensraum zu bewahren.
Das abendliche Dialogforum unter der Leitung von Konrad Haberger, theologischer Referent der Landvolkshochschule, bot abschließend reichlich Gelegenheit, Fragen an die Referenten zu stellen, sich untereinander auszutauschen und sich für eigene Vorhaben inspirieren zu lassen.